Alle Getauften sind Jünger*innen

Waren zur Zeit Jesu Männer Jünger? Welch paradoxe Frage! Natürlich waren sie das. Dass Frauen Jüngerinnen waren muss jedoch immer wieder explizit benannt werden und ist leider nicht selbstverständlich.

In den letzten Jahrzehnten hat sich diesbezüglich viel verändert: Gab es in der 2. Auflage vom Lexikon für Theologie und Kirche von 1960 noch kein Wort über Jüngerinnen, verändert sich dies in der 3. Auflage von 1996 zu einem Abschnitt über Jünger und einem über Jüngerinnen. Vorgrimler schreibt 2008 im Neuen Theologischen Wörterbuch gemeinsam über ‚Jünger und Jüngerinnen‘.

In der Erzdiözese Wien ist Jüngerschaft eines von drei Leitworten im Diözesanen Entwicklungsprozess. Das Wort klingt für viele fremd und ungewohnt. In evangelikal und charismatisch geprägten (auch katholischen) Kreisen ist der Begriff stärker präsent. Doch auch Papst Franziskus ist ein Fan von Jüngerschaft. Er verbindet es mit einer missionarischen Grundhaltung:

„Kraft der empfangenen Taufe ist  jedes Mitglied des Gottesvolkes ein missionarischer Jünger geworden (vgl. Mt 28,19). Jeder Getaufte ist, unabhängig von seiner Funktion in der Kirche und dem Bildungsniveau seines Glaubens, aktiver Träger der Evangelisierung.“

Evangelii gaudium 120

Jüngerschaft ist ein Begriff, der Sprengkraft hat. Jede*r Getaufte ist durch die Taufe Jünger*in. Funktionen und Bildungsniveau sind innerhalb eines Volkes von Jünger*innen (= Kirche) nicht relevant. Das Geschlecht ebenso. Durch die Taufe sind alle Jünger*innen. Übrigens auch hinter-der-Säule-Stehende, zu-Hause-Betende, Suchende, Zweifelnde…

Jüngerschaft bedeutet, in der Nähe Gottes zu sein und diese Nähe zu suchen. Wörtlich übersetzt sind Jünger*innen Schüler*innen. Das Bild von der Schule ist nicht unproblematisch, denn nicht alle Schulerfahrungen sind positiv. Schule ist mit starken Hierarchien verbunden. Vielleicht ist passender, dass Jünger*innen Lernende sind, die hinhören, neugierig sind, fragen, sich austauschen mit anderen, reflektieren.

Wir alle als Getaufte sind unterschiedslos Lernende. Einziger Lehrer ist Gott, greifbar geworden in Jesus Christus. Innerhalb der Jüngerschaft gibt es keine Klassen, keine Rangfolge. Wir alle lernen gemeinsam, miteinander, voneinander. Als Frauen und Männer, Kinder und Erwachsene, stille Kirchenbeitragszahler*innen und Bischöfe: Wir alle sind Jünger*innen auf Augenhöhe.

Mag.a Dagmar Woods ist Pastoralassistentin im Zentrum für Theologiestudierende der Erzdiözese Wien und Gemeindeberaterin. Sie schreibt an ihrer Dissertation über Jüngerschaft.

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